Resonanzpädagigik - Story

„Die Vier Wirkfelder"
(Prozessdynamik in der Pädagogik)
Ich stelle mir vor:
Der Klient und der Pädagoge
Noch immer stehe ich zwischen den beiden großen Grundkräften menschlicher Entwicklung.
Geborgenheit und Wachstum.
Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl,
dass beide zufrieden wirken. Fast so, als wollten sie mir sagen: „Gut. Du hast verstanden, worum es geht.“
Doch kaum denke ich diesen Gedanken, beginnt sich das Resonanzfeld erneut zu verändern.
Die beiden Kräfte treten langsam in den Hintergrund, neue Strukturen werden sichtbar.
Vier große Felder entstehen um mich herum.
Sie wirken weniger verspielt als die bisherigen Ebenen.
Geordneter.
Fast architektonisch.
Und dennoch lebendig.
Ich spüre:
Jetzt nähere ich mich „meiner“ bekannten Pädagogik.
Nicht, weil plötzlich gelernte Theorie auftaucht, sondern weil mir diese Schwingungen vertrauter scheinen, ich ihnen in meiner Arbeit immer wieder begegne.
Während ich noch versuche, die vier Felder zu erfassen, tritt eines davon langsam hervor.
Es wirkt zunächst ruhig, beobachtend, fast prüfend.
Dann beginnt es zu sprechen...
Das Wirkfeld des Klienten
„Ich bin der Klient.“
Die Stimme klingt nicht streng aber bestimmt.
„Über mich hast du in deinem Studium viel gelernt. Man wird dir erklären haben, wie du mich beobachten, einschätzen, diagnostizieren und begleiten kannst. Man wird dir wohl Entwicklungsmodelle gezeigt haben, Störungsbilder, Verhaltensmuster und pädagogische Strategien.“
Das Feld macht eine kurze Pause.
Dann verändert sich sein Ton.
Wärmer aber auch bestimmt.
„Doch Vieles stand in keinem deiner Bücher.“
Plötzlich beginnen Bilder im Feld aufzutauchen.
Kinder.
Jugendliche.
Erwachsene.
Menschen, die kämpfen.
Manche laut.
Manche still.
Manche aggressiv.
Manche vollkommen zurückgezogen.
Und da erkenne ich überrascht:
Hinter all diesen Verhaltensweisen verbirgt sich dieselbe Sehnsucht, die Sehnsucht nach Schutz,
Halt und Raum.
Nach der Geborgenheit eines intakten Friedensortes.
Und gleichzeitig sehe ich die Sehnsucht nach Selbstbestimmung, Bedeutung, Lebendigkeit und
Wachstum.
„Du darfst nie vergessen“, spricht das Feld weiter, „dass ein jeder Mensch auf seine Weise versucht, dem Leben Antwort zu geben.“
Wieder tauchen Bilder auf.
Ein Jugendlicher, der provoziert.
Ein Kind, das sich verweigert.
Ein Mensch, der enttäuscht.
„Oft sieht man nur das Verhalten. Aber dahinter liegt fast immer ein Ringen. Ein Ringen darum, irgendwie mit dem Leben zurechtzukommen, es zu meistern. Es ist ein Ringen um Sicherheit, Zugehörigkeit, um Würde. Um Selbstwert und Resonanz. Letztlich ein Erinnern, dass die Vereinbarung menschlicher Existenz auch für sie gilt und sie diese schlichtweg bei uns einfordern“.
Ich beginne zu verstehen, warum Menschen oft so wenig vernünftig und „logisch“ wirken. Denn sie handeln nicht unbedingt rational. Aber sie versuchen Antwort auf Fragen zu geben, die ihnen das Leben stellt. Ich höre ihre Antworten, ohne die Fragen zu begreifen – das ist es, was mich oft so irritiert. Menschen geben Antwort!
Sie antworten mit allem, was ihnen zur Verfügung steht.
Mit ihren Erfahrungen.
Mit ihren Geschichten.
Mit ihren Schutzstrategien.
Mit ihren inneren Bildern.
„Wenn du mich wirklich verstehen willst“, sagt das Feld nun versöhnlich, „musst du lernen, meine Eigensprache zu verstehen.“
Und da erinnere ich mich wieder an das kleine Männchen an der Waldlichtung, an dessen stilles, achtsames Zuhören, das nichts erzwingen will. Das nicht bewertet, nichts einfordert, nur Raum gibt.
„Begegne mir nicht wie einem Problem, das gelöst werden muss“, spricht das Feld weiter.
„Begegne mir wie einem Menschen, dessen Geschichte ein Geschenk sein könnte.“
Dieser Satz trifft mich tief und ich begreife:
Pädagogik bedeutet vielleicht nicht, Menschen zu verändern, sondern ihnen Räume anzubieten, in denen sie sich selbst und der Welt begegnen können.
„Und wenn das Leben unerträglich wird“, erläutert das Feld weiter, „dann antworte nicht mit Strafe - sondern mit Güte. Du musst mir das Problem nicht lösen, mich nur im Bestreben es zu lösen anerkennen. Und dabei meine Trauer, Ohnmacht, meine Verzagtheit würdigen.
Ich brauche kein Mitleid, aber dein Mitgefühl“.
Jetzt sehe ich den Strand.
Die Bewegungen des Wassers.
Die Stürze.
Das gemeinsame Lernen.
„Bereite mich auf mein Leben vor.
Nicht durch Angst.
Nicht durch Behütung.
Nicht durch Kontrolle.
Sondern durch Ideen.
Haltungen.
Geschichten.
Beziehung.
Hilf mir, mein eigenes Board zu bauen.“
Das Feld wird nun versöhnlich.
Und ehe es sich zurückzieht, höre ich noch einen letzten Satz:
„Vergiss bitte nie: ich bin nicht das Problem...“
Das Wirkfeld des Pädagogen
Noch bevor ich das Gehörte wirklich verarbeiten kann, tritt bereits das nächste Feld hervor.
Dieses wirkt völlig anders.
Direkter.
Klarer.
Fast herausfordernd.
Es blickt mich an, als würde es mich längst kennen.
Dann beginnt es zu sprechen.
„Und du... sogenannter Pädagoge…“
Ich schlucke kurz. Der Ton wirkt streng und fordernd.
„Pass auf, dass du vor lauter Studium des Klienten nicht das Selbststudium vergisst!“
Dieser Satz irritiert.
Das Feld erkennt mein Zögern und tritt näher.
„Jedes Wort, jede Haltung, jede Handlung, die du von anderen erwartest, musst du zuerst auf
dich selbst anwenden.“
Nun wird es still.
Fast unangenehm still.
Ich durchlaufe in Gedanken all die Begegnungen, bei denen ich ganz Pädagoge meine Autorität mit Bestimmtheit ausspielte.
Nur diesmal ist es nicht das Kind, nicht der Klient. Diesmal bin ich es, den ich „zu seinem
Glück“ zwinge.
„Wie fühlst du dich eigentlich dabei?“
„Wie fühlt sich dein jüngeres Ich dabei an?“
„Ist das wirklich Weisheit oder bloß Gewohnheit?“
Ich merke, wie ich unruhig werde.
Das Feld scheint jede Ausrede sofort zu durchschauen. „Sei nicht strenger zum Klienten, als zu dir selbst“, spricht es weiter.
„Dein Gegenüber darf üben.
Es darf scheitern.
Es darf Fehler machen... so wie du!“
Dann verändert sich der Ton - klarer, fast kompromisslos.
„Und vor allem bei dir selbst - da sei ehrlich. Fordere dich. Hinterfrage dich.“
„Prüfe, ob du das Pactum Concordiae achtest und respektierst... nicht bloß als Theorie, sondern
als Haltung.“
Und da verstehe ich:
Dieses Feld spricht nicht bloß über Pädagogik.
Es spricht über Selbstführung.
Über innere Arbeit.
Über die Verantwortung, sich selbst nicht aus der eigenen Pädagogik auszuklammern.
„Das Auge, das sieht, sieht sich selbst nicht“, spricht das Feld ruhig weiter. „Das Ohr hört sich selbst nicht. Die Hand spürt nicht sich selbst“
„Aber als Pädagoge muss genau das dein Weg und Ziel sein.
Sei das Auge, das sich sieht, das Ohr das sich hört und die Hand die sich spürt“.
„Dann, wenn du dich nicht getrennt, nicht erhaben über den Klienten stehend siehst, sondern
ganz bei ihm bist, dich durch ihn erkennst… dann bist du ein wahrer Pädagoge!“
Dieser Satz sitzt.
Denn plötzlich begreife ich, wie leicht Menschen versuchen, andere zu begleiten, ohne sich selbst wirklich zu begegnen.
„Sei dir selbst dein erster Klient“, spricht das Feld weiter.
„Sei du dein vertrautestes Werkzeug. Dein treuester Begleiter. Dein aufmerksamster Lehrer, dein
bester Freund“.
Jetzt wirkt das Feld nicht mehr streng, sondern beinahe väterlich und es setzt fort:
„Fordere, aber mit Augenmaß. Sei streng, aber liebevoll. Gib dir selbst Schutz, Halt und Raum, wenn du dies brauchst.
Fordere Wachstum, wenn es Zeit dafür ist. Lobe dich. Vergib dir, sei dir dein eigener Friedensort“.
Ich schließe die Augen und versuche zu begreifen, was dieses Feld mir eigentlich sagen will.
Da erkenne ich:
Resonanzpädagogik ist niemals nur Arbeit am anderen. Sie beginnt immer als Arbeit an einem selbst. Denn nur wer mit sich selbst in Eintracht lebt, kann beginnen, anderen zu helfen, ihren Frieden zu finden.
Während ich noch über die Worte der ersten beiden Wirkfelder nachdenke, erkenne ich, dass sie
sich zurück ziehen, aber weiterhin im Raum verharren.
Nun bemerke ich, dass sich die beiden anderen Wirkfelder wie auf Zuruf zu bewegen scheinen.
Das Wirkfeld von Raum und Zeit
„Hallo Pädagoge…“
Diese Stimme klingt endlich freundlich, fast ein wenig amüsiert.
„Nicht nur auf dich - auch auf uns vergisst du gerne einmal.“
Langsam beginnt das eine Feld, sich um mich herum auszubreiten, bis es mich umschließt.
Es wird zu Licht, zum Wind, zum Boden unter meinen Füßen, zum Geruch der Umgebung.
Das Feld holt aus: „Ich bin der Raum und ein wahrhaftiger Meister der Resonanz.“
Ich muss unwillkürlich lächeln.
Der Raum scheint meinen Gedanken sofort zu bemerken.
„Ja... du glaubst oft, Resonanz entsteht durch Gedanken, Worte und bewusste Handlungen. Du glaubst, du müsstest ständig reden, erklären, korrigieren und eingreifen. Das allein ist aber nur ein karger Weg. Ich begleite Menschen ohne Gedanken, Worte, bewusste Handlungen!“
Plötzlich sehe ich erneut die Waldlichtung.
Den Bach.
Die warmen Steine.
Das Licht zwischen den Bäumen.
Dann den Ideenstrand.
Das Meer.
Die Puzzleteile.
Das gemeinsame Lachen.
Mit mir scheint der Klient aufmerksam zuzusehen, auch der Pädagoge nickt langsam, als würde er beginnen, etwas Wesentliches zu sehen.
„Ich bin einfach da“, spricht der Raum weiter, „ich war immer da und werde es auch lange nach dir sein.“
„Ich bin dein mächtigster Resonanzkörper und deine beste Ressource!“
Je länger ich zuhöre, desto deutlicher verstehe ich, wie Räume selbst wirken, lange bevor ein Pädagoge seine Arbeit beginnt.
Während der Raum spricht, spüre ich plötzlich die Wärme der Sonne auf meiner Haut, den Duft des Waldes, das beruhigende Grün der Natur. Sofort wird mir klar, wie stark Räume auf Menschen wirken. Einfach so - nicht nur äußerlich, sondern tief in einem drinnen.
Als ob der Raum meine Gedanken erkannt hätte, verändert sich seine Stimme. Sie klingt nun ernster, belehrender.
„Merke: Ihr Menschen seid selten guten Architekten lebendiger Räume.“
Ich wundere mich.
Der Raum spricht weiter.
„Ihr verengt, begradigt, betoniert verbaut. Ihr unterbrecht natürliche Resonanz, weil ihr eure
natürlichen Räume nicht begreifen wollt.“
Das Feld macht eine betonte Pause.
Dann setzt es leise fort: „Und in Wahrheit seid ihr es, die sich selbst nicht begreifen wollen.“
Dieser Satz trifft.
„Wenn ihr beginnt, euch in eure Umgebung bewusst hinein zu versetzen, werdet ihr bereit werden, auch mehr auf die feinen Aspekte eures unmittelbaren Lebensraumes zu hören. Wenn ihr selbst ruhig werdet, werdet ihr erkennen, wie viel nützlicher Raum euch umgibt, bereit in eure Dienste zu treten.“
Während nach dem Gesagten die Stimme des Raumes verhallt, tritt eine zweite Stimme hervor.
„Und ich bin die Zeit.“
Die Stimme klingt völlig anders.
Leichter.
Beweglicher.
Fast wie etwas, das man niemals ganz erfassen kann.
„Ich bin mit dem Raum verwoben und dennoch frei.“
Während die Stimme spricht, verändern sich die Bilder abermals um mich herum.
Tageslicht wird Abend.
Sommer wird Herbst.
Lachen wird Stille.
„Der beste Ort zur falschen Zeit ist keinem eine Hilfe.“
Ich denke an Situationen, in denen eigentlich alles gestimmt hätte und dennoch nicht perfekt
funktionierte.
Die Zeit scheint meine Gedanken zu bemerken.
„Die trefflichste Aktion im ungünstigen Moment ist vergossene Milch.“
Dann wird die Stimme plötzlich verzückt.
„Und manchmal... kann ein einziges Wort ein ganzes Leben verändern.“
Sofort denke ich an den Moment, wo ich um die Hand meiner Frau anhielt oder die Geburt meiner
Kinder... ja das waren wahre Glücksmomente, Momente, wo ich am rechten Ort zur rechten Zeit
war…
Und sofort erinnere ich mich an den FlowRider, als er mir zurief: „Vorsicht Welle!“
Diese Warnung zu früh hätte ich nicht verstanden.
Die Warnung zu spät hätte keinen Wert mehr.
Ich beginne zu verstehen:
Zeit ist nicht bloße Uhrzeit.
Sie ist Resonanzmoment.
Der richtige Augenblick.
Ein unentwegter Übergang.
Ein inneres Fenster, das sich kontinuierlich öffnet oder schließt.
„Du kannst mich nicht kontrollieren“, bestätigt die Zeit.
„Aber du kannst lernen, mich zu „reiten“.“
Als hätten sie auf den Moment meines begreifenden Aufblickens gewartet, beginnen nun Raum und Zeit, sich miteinander zu verweben.
Fast wie zwei Kräfte, die gemeinsam etwas Größeres bilden.
Und auch der Klient und der Pädagoge scheinen nun in diesen Reigen ein zu treten.
Plötzlich sprechen alle vier wie im Chor:
„Wir sind deine Welle – Wir sind deine Welt.“
Das Resonanzfeld beginnt zu schwingen.
„Wir sind letztlich nichts anderes als verdichteter Raum zu jeder Zeit.“
Ich halte inne und denke.
Eine Situation.
Ein Raum.
Ein Moment.
Eine Begegnung.
All das zusammen schafft Resonanz!
Genau an diesem Punkt, wenn sich Klient und Pädagoge, wenn sich Zeit und Raum ineinander verweben, genau dann und genau dort beginnt pädagogische Gestaltung.
Das Wirkfeld von Beziehung und Dialog
Noch während diese Erkenntnis in mir nachhallt, beginnt nun auch das vierte Wirkfeld stärker zu
flimmern.
Zunächst undeutlich, fast wie ein alter Filmprojektor.
Dann, langsam, werden Bilder sichtbar.
Ich erkenne eine Filmszene.
Karate Kid.
Jackie Chan und sein junger Schüler.
Die zu Boden geworfene Jacke.
Ich sehe, wie der Junge genervt immer wieder dieselben Bewegungen machen muss:
Jacke ausziehen.
Fallen lassen.
Aufheben.
Aufhängen.
Wieder anziehen.
Immer und immer wieder.
Schließlich verliert der Junge die Geduld.
„Ich hab’s verstanden! Ich hätte respektvoller zu meiner Mutter sein sollen!“
Jackie Chan blickt ihn ruhig an. „Das ist richtig. Und jetzt: zieh die Jacke aus…“
Ich grinse.
Der Junge wollte sich durch Kung Fu verteidigen, seine Welle reiten lernen, stattdessen bekam er eine Lektion im An– und Ausziehen einer Jacke.
Nachdem ich diese Szenen aber kenne, weiß ich natürlich was folgt... als Jackie Chan plötzlich und unerwartet einen Schlag (eine Welle) ausführt, reagiert der Junge reflexartig und kontert diesem Angriff. Als hätte er seit jeher nichts anderes geübt, als sich auf diesen Moment vor zu bereiten...
Das war es, was Jackie Chan ihm beibringen wollte.
Keine Theorie, keine Erklärung, kein künstliches Training. Sondern echte Lebenserfahrung.
Plötzlich beginnt der Film sich zu verändern. Jackie Chan wendet sich der Kamera zu schaut direkt in sie hinein, mir direkt ins Gesicht und beginnt zu mir zu sprechen:
„Herr Pädagoge. Es geht nicht um die Jacke, nicht um Kung Fu, nicht um Wellen, Flowboards, nicht um Klienten oder dich. Es geht auch nicht um Raum und Zeit.
Es geht immer um Beziehung!
Denn in Beziehung wird die Jacke an - oder ausgezogen, der Schlag abgewehrt, die Welle geritten, der Klient beruhigt, der Pädagoge ermächtigt.
Erst in Beziehung finden Raum und Zeit den rechten Raum und die perfekte Zeit.
Beziehung ist es, worum es sich in dieser ganzen Story dreht.
Alles ist Pädagogik.
Alles ist Dialog.
Alles ist Beziehung.
Alles ist Resonanz.
Und du werter Pädagoge bist Teil dieses Spiels!
Wenn du das jetzt endlich begriffen hast - was ist nun dein nächster Schritt?“
Jackie Chan schaut mir tief in die Augen und lächelt tiefgründig. Wortlos dreht er sich dem Jungen zu und ich weiß nicht ob die nächsten Worte diesem oder immer noch mir gelten:
„Zieh die Jacke aus!“
weiter lesen...
zurück
Gernot Kulhanek. Lederergasse 21/46, 3100 St. Pölten, praxis@kulhanek.at

