Resonanzpädagigik - Story

„Betriebssystem Mensch"
(Die magische Wanderausstellung – Eintritt nur für Unerhörte)
Ich stelle mir vor:
Noch während die letzten Worte des Wirkfeldes von Beziehung und Dialog in mir nachhallen, beginnt sich das gesamte Resonanzfeld erneut zu verändern.
Diesmal geschieht etwas Seltsames.
Ich habe das Gefühl, als würden plötzlich alle vier Wirkfelder miteinander verschmelzen.
Der Klient.
Der Pädagoge.
Raum und Zeit.
Beziehung und Dialog.
Nichts davon löst sich gänzlich auf.
Und doch formt sich aus allem etwas Neues.
Nach und nach entsteht vor mir eine Landschaft. Zunächst undeutlich, dann immer klarer.
Ich erkenne einen langen Pfad, der sich immer wieder verzweigt und schließlich wie ein riesiges Wurzelnetz durch die Landschaft zieht und am Horizont verschwindet.
Entlang der Wege entdecke ich große Tafeln. Exponate.
Was genau sie darstellen, kann ich aus der Ferne noch nicht erkennen. Und doch spüre ich sofort, dass von ihnen etwas ausgeht.
Nicht aufdringlich, nicht laut.
Eher wie ein stilles Bereitstehen.
Während ich näher komme, erkenne ich Menschen, die entlang der Wege schlendern.Junge, Alte, Einzelpersonen, Paare.
Familien mit Kindern.
Ich glaube sogar, Vorgesetzte mit ihren Mitarbeitenden zu erkennen.
Und obwohl hier so viele Menschen unterwegs sind, liegt keinerlei Hektik in der Luft.
Es wirkt eher wie ein gemeinsamer Spaziergang. Ein munteres, lebendiges Erkunden.
Zwischen den Wegen entdecke ich kleine Rastplätze. Menschen sitzen gemeinsam im Gras, essen ihre mitgebrachte Jause, unterhalten sich vertieft oder lachend miteinander.
Kinder laufen spielend zwischen den Exponaten umher. Manche tragen sogar Stifte in den
Händen und beginnen, auf den Exponaten herumzukritzeln.
Ich bleibe stehen. Was? Warum stört das niemanden?
Verwundert beobachte ich das Geschehen genauer.
Und da erkenne ich:
Hier dürfen die Besucher:innen selbst Teil der Ausstellung werden.
Manche ergänzen bestehende Exponate. Andere diskutieren leidenschaftlich darüber. Wieder
andere scheinen völlig neue Werke zu erschaffen.
Einige Tafeln wirken sogar absichtlich leer - als würden sie darauf warten, von jemandem gefüllt
zu werden.
Noch seltsamer erscheint mir nun:
Auch auf den Rückseiten der Exponate scheint Wichtiges zu stehen. Gruppen wechseln ständig
ihre Position. Mal schreiben sie vorne. Dann diskutieren sie wieder auf der Rückseite.
Ich bin mir nun nicht einmal mehr sicher, was hier überhaupt Vorder- oder Rückseite ist. Doch offensichtlich spielt genau das keine Rolle.
Je länger ich zusehe, desto deutlicher wird mir:
Die eigentliche Ausstellung befindet sich nicht auf den Tafeln. Sie entsteht dazwischen.
Im Gehen.
Im Diskutieren.
Im Nachdenken.
Im gemeinsamen Erleben.
Also beschließe ich, mich diesem seltsamen Treiben anzuschließen. Als ich näher komme, erkenne ich am Beginn des Weges einen einzelnen Türrahmen ohne Türblatt. Einfach mitten in der Landschaft.
Lässig lehnt daran ein Mann, den ich spontan für eine Art Ausstellungswärter halte.
Er nickt mir freundlich zu.
Dann sagt er routiniert:
„Eintritt immer gratis - aber nie umsonst. Exklusiv für Unerhörte!“
Ich runzle die Stirn. „Unerhörte?“
Der Museumswärter scheint meine Frage erwartet zu haben. Mit der Gelassenheit eines
Menschen, der dieselbe Erklärung bereits hundertfach gegeben hat, holt er tief Luft und beginnt zu
sprechen.
„Werter Pädagoge...
Dies hier ist die Wanderausstellung: Betriebssystem Mensch - Eintritt nur für Unerhörte.“
Er deutet langsam auf die weitläufige Landschaft.
„Nun, zur besseren Einordnung: Eine Wanderausstellung ist eine Ausstellung, die man durchwandert. Denn nicht nur die Exponate selbst sollen Wirkung entfalten, auch Raum und Zeit sind hier wesentliche Ausstellungsstücke.“
Er richtet sich seine Wärterkappe zurecht.
„Hier ist alles gratis aber nichts umsonst.“
Dann wird sein Blick wieder förmlich.
„Die Zwischenräume sind hier die eigentlichen Exponate.
Die Tafeln hingegen... nur Mittel zum Zweck.
Dies alles liegt letztlich im Auge des Betrachters“.
Ich staune. Was für eine kuriose Idee.
Mit diesen bedeutsamen Informationen ausgestattet, blicke ich erneut auf die Menschen, die diskutierend, lachend und gestaltend durch die Landschaft ziehen. Aber jetzt verstehe ich das rege Treiben.
Noch nicht ganz verstehend, blicke ich zurück zum Wärter und hake nochmals nach.
„Und was hat es nun wirklich mit diesen Unerhörten auf sich?“
Der Wärter hebt beinahe abwehrend eine Hand.
„Sachte, sachte… werter Beinahe-schon-Besucher.“
„Im Zentrum dieser Ausstellung steht der Mensch. Und wie wir alle wissen, ist jeder Mensch ein
Unikat. Der Versuch, ein vollständiges Betriebssystem des Menschseins auszustellen, ist daher eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, da immer unvollständig.“
Er lächelt plötzlich fröhlich.
„Grund genug, es trotzdem zu versuchen.“
Ich muss unwillkürlich mit lachen.
„Da eine vollständige Erklärung unmöglich - und jeder, der das Gegenteil behauptet, wahrscheinlich ein Scharlatan ist, besteht die eigentliche Ausstellung nicht aus fertigen Antworten, sondern aus reifenden Fragen.“
Er deutet nun auf die Menschen zwischen den Exponaten.
„Die wahre Ausstellung entsteht hier:
Im Tätigsein.
Im Mitdenken.
Im Mitfühlen.
Im gemeinsamen Resonanzraum.“
„Hier erleben Sie das Betriebssystem Mensch nicht als schnöde Theorie - sondern im lebendigen Betrieb.“
Während der Wärter spricht, sehe ich, wie Besucher:innen Gedanken anderer aufgreifen, weiterentwickeln, ergänzen oder völlig neue Richtungen einschlagen.
„Ja, Sie können Ideen früherer Besucher:innen auf sich wirken lassen.
Sie können sich fragen: Gibt es etwas in mir, das bereit ist mitzuschwingen?“
Er deutet auf einige leere Tafeln.„Sie können aber auch selbst Hand anlegen, Exponate ergänzen,
neue Geschichten verfügbar machen. Oder einfach still beobachten, wie Resonanz zwischen Menschen entsteht.“
Dann schmunzelt er breit.
„Es gibt viele Geschenke anzunehmen. Und viele Schätze zu bergen.“
Ich nicke langsam.
„Klingt eigentlich ziemlich schön. Also was ist daran denn so unerhört?“
Die Antwort des Wärters wirkt plötzlich äußerst gewichtig.
„Nun... Unerhörte - sogenannte Systemsprenger - oft vorschnell abgewertet, beschämt oder
ausgegrenzt, stehen hier im Zentrum dieser Ausstellung.“
Ich merke, wie sich etwas – ein Verstehen - in mir bewegt.
Der Wärter spricht weiter:
„Doch Unerhörte sind mehr als bloß schwierige Klient:innen. Hier geht es darum, die Welt aus Sicht jener zu betrachten, die sich nicht hilfreich, nicht angepasst oder nicht verständlich ausdrücken können.“
Während er spricht, tauchen Bilder in mir auf.
Kinder, die schreien.
Jugendliche, die provozieren.
Menschen, die sich trotzig auflehnen.
„Aber natürlich sind nicht sie das Problem“, setzt der Wärter fort.
„Ihr bisheriges Leben spricht durch sie.“
Dieser Satz macht mich betrübt.
„Ihr Verhalten ist oft nichts anderes als eine Sprache, die niemand richtig hören will.
Und wissen Sie, was das Verrückte daran ist?“
Er macht eine kurze Pause.
„Nicht nur die sogenannten Systemsprenger sind unerhört. Wenn man es genau nimmt, wir anderen auch.“
Stille.
„Viele Menschen geben irgendwann einfach auf, wirklich gehört zu werden, werden stumm.
Und vielleicht haben sich besagte Unerhörten etwas bewahrt, das wir anderen längst verloren haben. Und vielleicht können wir ja von ihnen lernen und sie von uns…“
Dann lächelt er wieder leicht und winkt mich durch das Tor.
„Wenn Sie genügend Mut und Neugier besitzen, machen Sie sich auf die Suche nach Ihrem ganz
persönlichem Unerhörten.“
Mit diesen Worten greift er in eine kleine Holzkiste neben dem Türrahmen und überreicht mir feierlich einen Stoffbeutel.
Neugierig öffne ich ihn.
Darin befinden sich: einige Buntstifte, ein paar Zuckerl mit der Aufschrift:„Seelentröster (bei Bedarf genussvoll verzehren)“ und eine kleine handgeschriebene Karte.
Darauf steht:
„Ausstelungsregeln: Möge mein Denken, Fühlen und Handeln dazu beitragen, dass Menschen
sicherer, würdevoller, lebendiger, gerechter, verbundener und wahrhaftiger miteinander
existieren können. Zumindest für die Dauer dieser Wanderung (gern auch etwas länger)“
Ich drehe die Karte um:
„Eintritt nur für Unerhörte!“
Ich lese die Sätze mehrmals und versuche sie mir ein zu prägen. Dann blicke ich voraus auf den
Pfad, durchschreite die torlose Schranke, zücke einen Stift und setze meinen ersten Schritt...
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Gernot Kulhanek. Lederergasse 21/46, 3100 St. Pölten, praxis@kulhanek.at

